Wie sich unterschiedliche Ankerpunkte beim Bogenschießen auf die Trefferlage auswirken
Beim Bogenschießen entscheidet nicht nur die Technik des Lösens oder die Qualität des Materials über einen guten Schuss. Einer der wichtigsten Faktoren für konstante Treffer ist der Ankerpunkt. Bereits kleine Veränderungen können die Trefferlage deutlich beeinflussen — sowohl in der Höhe als auch seitlich.
Was ist ein Ankerpunkt?
Der Ankerpunkt ist die feste Position, an der die Zughand im Vollauszug immer wieder am Gesicht oder Körper anliegt. Er sorgt dafür, dass:
- die Auszugslänge konstant bleibt,
- das Auge immer in derselben Position zur Sehne steht,
- und der Pfeil reproduzierbar abgeschossen wird.
Je präziser und wiederholbarer der Ankerpunkt ist, desto enger wird das Trefferbild.
Typische Ankerpunkte sind:
- Fingerwinkel am Mundwinkel
- Zeigefinger unter dem Jochbein
- Daumen hinter dem Kiefer
- String-to-Nose-Kontakt
- Kinnkontakt bei olympischem Recurve
Wie unterschiedliche Ankerpunkte die Trefferlage verändern
1. Höherer Ankerpunkt → Treffer wandern nach unten
Wird die Zughand höher im Gesicht verankert, liegt das Auge näher über dem Pfeil. Dadurch zeigt der Pfeil beim Zielen leicht nach unten.
Auswirkungen:
- Treffer liegen tiefer
- Besonders deutlich auf kurze Distanzen
- Häufig bei Schützen, die unbewusst „hoch ankern“
Beispiel:
Ein Wechsel vom Mundwinkel zum Wangenknochen kann die Trefferlage auf 18 Meter mehrere Zentimeter nach unten verschieben.
2. Tieferer Ankerpunkt → Treffer wandern nach oben
Ein tieferer Ankerpunkt vergrößert den Winkel zwischen Auge und Pfeil. Dadurch steigt die Trefferlage.
Auswirkungen:
- Pfeile schlagen höher ein
- Oft sichtbar bei wechselnder Kopfhaltung
- Kann unbewusst durch Ermüdung entstehen
3. Seitlich versetzter Ankerpunkt → Links-/Rechtsabweichung
Schon wenige Millimeter seitliche Veränderung reichen aus, um die Gruppe deutlich zu verschieben.
Rechtshandschütze:
- Anker weiter rechts → Treffer eher rechts
- Anker weiter links → Treffer eher links
Bei Linkshandschützen verhält es sich spiegelverkehrt.
Besonders kritisch:
- wechselnder Druck am Gesicht
- ungleichmäßiger Sehnenkontakt
- „schwimmender“ Kopf
Der Zusammenhang zwischen Auge, Sehne und Pfeil
Der Ankerpunkt bestimmt indirekt die gesamte Visierlinie.
Ändert sich:
- die Kopfposition,
- die Sehnenlage vor dem Auge,
- oder die Position der Zughand,
ändert sich automatisch auch die Ausrichtung des Pfeils.
Viele Schützen versuchen Fehler über das Visier oder die Pfeilabstimmung zu korrigieren, obwohl die Ursache in einem inkonsistenten Ankerpunkt liegt.
Typische Fehlerbilder
Streukreise in der Höhe
Oft verursacht durch:
- wechselnden Druck am Kinn
- unterschiedlich tiefes Einziehen
- fehlenden festen Kontaktpunkt
Seitliche Gruppenverschiebung
Häufige Ursachen:
- Kopf kippt leicht
- Sehne liegt unterschiedlich an Nase oder Lippen an
- Zughand rotiert beim Auszug
So findest du einen konstanten Ankerpunkt
Ein guter Ankerpunkt sollte:
- eindeutig fühlbar sein,
- ohne Kraft erreicht werden,
- reproduzierbar sein,
- und auch unter Belastung stabil bleiben.
Bewährt haben sich:
- Knochenkontakte statt Muskelkontakte
- mehrere Referenzpunkte gleichzeitig
- entspannte Kopfhaltung
Beispiel für einen stabilen Recurve-Anker:
- Zeigefinger im Mundwinkel
- Sehne an Nasenspitze
- Sehne mittig vor dem Auge
Übungen für mehr Konstanz
1. Blank Bale Training
Auf kurze Distanz ohne Zielscheibe schießen und nur auf den Anker achten.
2. Spiegeltraining
Trocken üben und kontrollieren:
- Kopfhaltung
- Handposition
- Sehnenverlauf
3. Anker bewusst variieren
Mehrere Pfeile mit leicht verändertem Anker schießen und die Trefferlage beobachten. So entsteht ein besseres Verständnis für die Auswirkungen.
Fazit
Der Ankerpunkt ist einer der wichtigsten Bausteine für präzises Bogenschießen. Schon minimale Veränderungen beeinflussen die Trefferlage deutlich. Wer einen stabilen, reproduzierbaren Anker entwickelt, verbessert nicht nur die Präzision, sondern auch die Konstanz und das Vertrauen in den eigenen Schuss.
Nicht das stärkste Zuggewicht entscheidet über enge Gruppen — sondern Wiederholbarkeit. Und genau dort beginnt Präzision: am Ankerpunkt.